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Aktualisiert am 31. März 2025

Text: Sophia Gustorff
Der Text erschien in Ausgabe 2 (03/25). 

Lesezeit 4 Min.

No Prisoner Be – Emily Dickinson entfesselt

Emily Dickinsons Poesie sprengt Grenzen – und nun auch musikalische Konventionen. Kevin Puts vertont die explosive Kraft ihrer poetischen Welt in einem neuen Liederzyklus für die Bregenzer Festspiele. Gemeinsam mit Star-Mezzosopranistin Joyce DiDonato und dem energiegeladenen Trio Time for Three bringt er Dickinsons rebellischen Geist zum Klingen – mal virtuos krachend, mal zart und fragil.

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Hinter jeder Phrase, jedem Wort lauert eine scharfe Kurve, die mal in den Himmel, mal in den Abgrund führt. Plötzliche Stopps zwischendurch, markiert durch Gedankenstriche, rütteln auf. Die heftigste Bremsung erfolgt am Ende mit dem letzten Wort. Die Gedichte von Emily Dickinson sind wie virtuelle Fahrten mit einer Achterbahn, die unvorhersehbare Routen einschlägt. Sie führen hinein in die Untiefen von Seele, Natur und Gesellschaft. Sie erzählen von Qualen und Glück, Wahrheit und Liebe, Glauben, Zweifel und Erfolg, aufrichtig, bissig, am Boden zerstört und überlegen. In der konzentrierten Form weniger Worte deuten sie Bilder und Fantasien an, die sorgfältig ergründet und lange nachwirken wollen, so modern, als seien sie eben erst gesetzt.

Emily Dickinson zählt zu den bedeutendsten Dichter:innen. Ihr Ansehen zu Lebzeiten war jedoch noch stark begrenzt, auf die US-amerikanische Provinz um Amherst herum, die Kleinstadt im Bundesstaat Massachusetts, in der sie 1830 geboren wurde. Dort verbrachte sie ihr ganzes Leben. Mit knapp dreißig Jahren zog sie sich in ihr Kinderzimmer zurück, aus Selbstschutz und um ihr großes Bedürfnis zu stillen: ungestört zu schreiben.

Dickinson verstand sich selbstbewusst als Autorin. Gleichwohl erschien nur eine Handvoll ihrer Gedichte im Druck. Verantwortlich dafür war auch ihr Vater, ein Rechtsanwalt und Politiker. Er bot der hochbegabten Tochter ein sorgenfreies und inniges Familienleben. Der Veröffentlichung ihrer mitunter gesellschaftskritischen Verse aber stand er im Weg. Als Dickinson 1886 im Alter von 55 Jahren starb, hinterließ sie fast 1.800 Gedichte.

Werk und Wirken der Dichterin faszinieren bis heute – und erscheinen noch immer hochaktuell. Dickinson begehrte gegen gesellschaftliche Normen auf. Schon als Kind ließ sie sich, anstatt zur Kirche zu gehen, lieber in den Keller einsperren. In dem berühmten Gedicht „They shut me up in Prose“ („Sie schließen mich in Prosa ein“) kommentiert sie dies mit einem spöttelnden Lächeln: „They might as wise have loged a Bird / For treason – in the Pound“ – („genauso könnt’ nen Vogel man / einpferchen als Verräter“) –. Ihre Poesie ist eine des Widerstands, des Neinsagens, einer Fähigkeit, die heutzutage in jedem Persönlichkeitscoaching gepredigt wird. Kein Wunder, dass auch Taylor Swift und Netflix diese ungewöhnliche Ikone inzwischen für sich entdeckt haben.

Emilynoprisonerbe-Festspielhaus-Bregenzer Festspiele-Kevin Puts am Tisch

Der Komponist Kevin Puts, ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis für Musik, die mehrfache Grammy-Gewinnerin Joyce DiDonato und das alle musikalische Konventionen überwindende Trio Time for Three werfen einen neuen Blick auf Emily Dickinsons Lyrik.

„Poesie bedeutetet für sie Freiheit“, resümiert der Komponist und Pulitzer-Preisträger Kevin Puts. Er hat im Auftrag der Bregenzer Festspiele einen neuen Liedzyklus auf Gedichte von Dickinson geschrieben. Das Kompositionsprojekt war von Beginn an als Kollaboration gedacht mit herausragenden Interpret:innen: der Star-Mezzosopranistin Joyce DiDonato und dem Streichtrio Time for Three. Mit beiden arbeitete Puts bereits in der Vergangenheit zusammen. „Ihre Persönlichkeiten und Energie, ihre musikalische Flexibilität und ihr Teamspirit haben mich dazu motiviert“, berichtet er. „Ich dachte mir, dabei muss etwas Gutes herauskommen.“

Ich habe keine Sekunde gezögert, den Liedzyklus zu singen.

Joyce DiDonato

Joyce DiDonato reagierte darauf enthusiastisch. Sie wirkte 2022 an der szenischen Uraufführung von Puts Oper The Hours an der Metropolitan Opera in New York mit, als die beiden ins Gespräch kamen. „Ich habe keine Sekunde gezögert, den Liedzyklus zu singen“, erzählt sie. „Meine allererste Solo-CD, die ich vor über 20 Jahren aufgenommen habe, enthielt die Twelve Poems of Emily Dickinson von Aaron Copland. Als ich Dickinson damals entdeckte, erschloss sich für mich eine ganz neue Welt! Das Projekt zusammen mit Kevin war für mich die Gelegenheit, sie neu zu erkunden.“

Ausnahmeinterpreten sind auch die Musiker von Time for Three. Das Trio, das für sein jüngstes Solo-Album Letters for the Future den Grammy Award erhielt, steht für einen kraftvollen, elektrisierenden, rockigen Sound. Und eine weitere Spezialqualität: Die Musiker, zwei Violinisten und ein Kontrabassist, treten singend in Aktion. Beides nutzt Puts in seinen Liedern. „Mir schwebte von Beginn an eine ungewöhnliche Energie vor“, berichtet er über das erste Lied nach dem Gedicht „They shut me up in Prose“. Es beginnt mit der „schreddernden Virtuosität“ der Streicher. Die „Rock-Vibes“ waren Puts wichtig, ebenso der Gesang des „Background-Gospelchors“: „Es ist fast so, als wenn man neben Joyce drei weitere Sänger hätte, die auf ihren Instrumenten spielen, während sie singen“, beschreibt Puts.
 

Emilynoprisonerbe-Festspielhaus-Bregenzer Festspiele-Time for ThreeEmilynoprisonerbe-Festspielhaus-Bregenzer Festspiele-Joyce DiDonato Portrait

Viele künstlerische Entscheidungen trafen die Musiker:innen gemeinsam, sowohl im Großen als auch im Detail. Den Prozess empfand DiDonato als große Bereicherung: „Das war die aufregendste Arbeit, die ich jemals in einem Probenraum gemacht habe. Die Tage, die wir zusammen verbracht haben, um das Ganze zusammen zu kreieren, waren wie ein Lottogewinn. Jeder war in seinem Element, jeder war on fire.“

Der Zyklus enthält 24 Gedichte, ebenso wie Franz Schuberts Winterreise. Jedes davon beschreibt ein „eigenes Universum“, so DiDonato. Die Musik setzt mal impulsive Akzente, wie im Opener „They shut me up in Prose“. Mal wirkt sie zerbrechlich, wie im folgenden „I was the slightest in the house“.

Auch Schwermut und Trauer gehören zum Gefühlsspektrum, beispielsweise im Lied „I Felt a Funeral“. Mit dem titelgebenden „No Prisoner be“ schließt sich zuletzt der Kreis zum krachenden Beginn: „No Prisoner be – / Where Liberty – / Himself – abide with Thee“ („Keiner sei in Haft – / Wo sich Freiheit – / Dir zum Hausgenossem macht –“). Im Fokus steht stets das lyrische Ich der Dichterin. „Man erhält ein faszinierendes Portrait ihres explosiven Geistes“, schwärmt DiDonato. Dass auch die Bühnenperformance explosiv sein wird, dafür wird sie bei der Uraufführung zusammen mit Time for Three sorgen. Power garantiert.

Die Tage, die wir zusammen verbracht haben, um das Ganze zu kreieren, waren wie ein Lottogewinn.