Text: Ingrid Lughofer
Der Text erschien in Ausgabe 2 (03/25).
Lesezeit 4 Min.
Weite, Wind und Wehmut des Nordens
Die norwegische Sopranistin Hedvig Haugerud entführt in ihrem Debüt-Recital bei den Bregenzer Festspielen das Publikum in die faszinierende Klangwelt Skandinaviens. Gemeinsam mit dem Pianisten Mats Knutsson entfacht sie ein Liedprogramm voller wilder Naturbilder, melancholischer Sehnsucht und nordischer Poesie.

Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme zählt die 1994 in Oslo geborene Hedvig Haugerud zu den vielversprechenden Talenten ihrer Generation. Im August feiert sie mit einem Liederabend ihr Bregenz-Debüt.
„Ich bin sehr dankbar, dass ich meinen Platz in einer Branche gefunden habe, in der Schönheit, Humanität und Zuwendung zählen“, freut sich die junge Sopranistin Hedvig Haugerud. „Wir machen Musik, weil wir Menschen lieben.“ Die Norwegerin stammt aus einer künstlerischen Familie, beide Eltern malen. „Als Kind dachte ich, dass jeder Mensch ein Atelier hat und dass Kunst zu machen das Natürlichste auf der Welt ist“, erinnert sich die Sängerin. Schriftstellerin zu werden, war eine Option, da sie Literatur sehr interessiert. „Doch es war unvermeidbar, dass ich zum Gesang kam, denn der war immer schon ein wichtiger Teil meines Wesens: Als Kind sang ich die ganze Zeit und hatte ein Bedürfnis nach dieser Art der Kommunikation.“ Haugerud wechselte von Klavier- zu Gesangsunterricht, eine Tür nach der anderen öffnete sich. Sie studierte an der Norwegischen Musikhochschule, am Pariser Konservatorium und an der Royal Danish Opera Academy in Kopenhagen, besuchte Meisterklassen bei Anne Sofie von Otter, Bo Skovhus und Soile Isokoski. „Und nachdem nie jemand ‚Stopp‘ sagte, ging ich den Weg weiter und versuche, so weit wie möglich zu kommen.“ Seit acht Jahren nimmt sie bei der international gefragten Gesangspädagogin Susanna Eken Unterricht, einer der berühmtesten Stimmlehrerinnen Skandinaviens.

Musik stellt für Haugerud eine eigene Sprache dar, die zu sprechen ihr große Freude bereitet. Denn in einem Konzert habe unser rationales und effektives Denken über das Leben und die Gesellschaft keine Bedeutung, findet sie. „Klassische Musik bietet eine Erfahrung, die vom alltäglichen Leben abgeschnitten ist und die direkt zur Seele spricht. Als Publikum muss man nichts tun, es reicht, einfach zu sein. Das ist magisch!“
Ihr riesiges Talent wurde bereits mehrfach ausgezeichnet: Die junge Sängerin bekam ein Richard-Wagner-Stipendium, gewann den zweiten Preis bei der Paris Opera Competition und vergangenes Jahr den ersten Preis bei der Lauritz Melchior International Singing Competition, einem der renommiertesten und größten Wagner-Wettbewerbe. In der kommenden Saison wird sie am Neuen Nationaltheater Tokio als Chrysothemis in Richard Strauss’ Elektra debütieren, in Metz stand sie bereits in der Titelrolle der Oper Salome auf der Bühne, gelobt für ihre warmen, volltönigen und strahlenden Klänge.
„Ich habe eine große, dramatische, schwere und farbenreiche Stimme. Da gibt es nicht endlose Möglichkeiten, aber das deutsche romantische Repertoire mit Wagner und Strauss passt hervorragend. Glücklicherweise zieht es mich dort auch hin.“
Singen ist ein lebenslanger Prozess, in ihrem besonders herausfordernden dramatischen Fach aber wird der Höhepunkt erst im Alter von 40 bis 50 Jahren erreicht. Deshalb baut die Sopranistin ihre Technik und ihr Fundament auf behutsame Weise auf. „Es ist ein Geduldsspiel, weil es eine so langsame Entwicklung ist, und benötigt Disziplin. Du trägst die Verantwortung dafür, jeden Tag nur ein kleines Schrittchen vorwärtszugehen. Es ist, als ob ich mich um ein Baby kümmern würde. Es darf wachsen, doch ich weiß nicht wirklich, wie es sich entwickelt.“ Intrinsische Motivation ist dazu ebenso nötig wie kompetente Unterstützung: „Ich hatte und habe Menschen um mich, die an mich glauben und auf die ich mich bei dieser Lebensmission verlassen kann.“
Ihr Repertoire umfasst auch Lieder von Strauss und Wagner, doch bei ihrem Recital bei den Bregenzer Festspielen präsentiert die Künstlerin keine deutschen, sondern nordische Meister. Worin liegen die musikalischen Unterschiede? „Bei den Liedern von Strauss und Edvard Grieg sehe ich viele Unterschiede, denn speziell Griegs Klavier- und Vokalwerke sind inspiriert von Volksmusik, deutlich hörbar beinhalten sie norwegische Identität und Kulturgeschichte. “ Eine wichtige Rolle in der nordischen Musik spielt die raue, wilde, mächtige Landschaft, die in der Romantik als wesentliche Inspirationsquelle galt. „Naturelemente sind in den Texten wie in der Musik stark vertreten“, erklärt die Sängerin. „Bei Grieg ist die wunderschöne, kraftvolle und durchaus mysteriöse norwegische Natur in der Musik zu finden.“
Ferner ist die Sprache, in der gesungen wird, entscheidend. Norwegische, schwedische und dänische Stücke stehen in Bregenz – mit Übersetzungen – am Programm, ebenso Deutschsprachiges von Grieg und Jean Sibelius. Auf Deutsch zu singen, fällt Haugerud leicht, da die skandinavischen Sprachen indogermanische Wurzeln haben. Die Verwandtschaft betrifft sowohl die Aussprache mit den starken Konsonanten und den hellen Vokalen, die Klangfarben als auch die Struktur.
Zusammen mit dem Pianisten Mats Knutsson wählte sie berührende Lieder für das Konzert aus, die „ihre eigene Geschichte haben und ihre eigene Präsenz, die sie nicht erst durch meine Interpretation bekommen. Sie besitzen ihren eigenen Willen und kreieren aus sich selbst heraus jeweils eine besondere Atmosphäre und Stimmung. In jedem Werk steckt eine ganze Geschichte.“
Im Sturm der Sehnsucht
Lieder aus dem Norden
3. August 2025 – 19.00 Uhr
Festspielhaus, Seestudio